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FRANZ AEBISCHER

Der Sohn des Sattlers

Text
Auszug aus "EIN FRIEDHOF DER ANDEREN ART"
Erschienen im Magazin der Basler Zeitung am Samstag, 27. Oktober 2001

Autor Fotos
Markus Rohner Daniel Ammann

 

Franz AebischerFranz Aebischer

Franz Aebischer †, Rebell, Philosoph und Sprachkünstler erinnert mit seinem weissen Rauschebart und seiner Eloquenz eher an Karl Marx als an einen Menschenbestatter. Auf dieser Alp pulsiert das Leben, vom Tod ist nichts zu spüren. Derweil die Kuh in der Nacht ihr Kalb wirft, diskutiert Aebischer in der kleinen Stube seiner einfachen Alphütte über Gott und die Welt. Da mag rundherum die Asche von verstorbenen Menschen bestattet liegen, dem Leben auf Spielmannda tut dies keinen Abbruch. 

Aebischer, der mehr als die Hälfte des Jahres auf der Alp verbringt, hat längst gemerkt, wo er hingehört. In dieser Grabesruhe kann er lesen, schreiben und meditieren, mit Passanten diskutieren, Radio hören oder ganz einfach still dasitzen und den Blick über die Berge schweifen lassen. Er leiste sich den Luxus, immer über genügend Zeit zu verfügen. Geld habe er Zeit seines Lebens nie besessen, sagt er. «Man kann die Zeit verkaufen, aber sie nie mehr zurückkaufen.» In Brünisried, einem kleinen Dorf im Senseoberland, kommt Franz Aebischer 1941 als jüngstes von fünf Kindern auf die Welt. Der Vater arbeitet als Sattler, die Mutter führt ein kleines Dorflädeli. Wenn die Bauern bei den Eltern vorbeikommen und ihre Ledersachen flicken lassen, findet der kleine Franz genügend Zeit, den Leuten aufs Maul zu schauen. Es herrscht ein lebhaftes Kommen und Gehen, und der Telefonanschluss, über den die Familie als eine der wenigen im Dorf verfügt, wird für viele Brünisrieder zum Nabel in die grosse weite Welt. 

Der jüngste Aebischer-Spross ist nicht aufs Maul gefallen und weiss sich in der Volksschule zu behaupten. Er besucht das Lehrerseminar von Freiburg, «das Gymnasium der Armen», wie es im Volk auch genannt wird. So konservativ und behäbig die katholische Provinzstadt auch ist, hier gibt es wenigstens Buchhandlungen, Bibliotheken, Museen. Eine neue Herausforderung für den aufgeweckten Knaben vom Land. 

Nach Abschluss des Seminars hält es der Junglehrer ganze drei Jahre in der Schulstube aus, dann schreibt er sich an der Universität ein, um eine Antwort auf die Sinnfrage zu bekommen.

 An der Alma mater begegnet er Niklaus Meienberg und anderen kritischen Geistern. Schnell merkt der Nonkonformist, dass dieser Elfenbeinturm nicht seine Welt ist. «Für Theorien waren sie alle zu haben. Wenn es um die praktische Umsetzung ging, dann fehlten sie meistens.» Und Aebischer erzählt von jenem US-Soldaten, der als Deserteur ins Uechtland gekommen war und dringendst irgendwo Unterschlupf suchte. Alle kneiften sie und waren am Schluss froh, als der Unbotmässige die Stadt in Richtung Schweden verlassen hatte.

Bald merkte Aebischer, dass auch die Uni nicht seine Welt war. Hier wurde Wissen eingetrichtert, das ihm im Leben nicht weiterhelfen konnte. «Mit 25 bin ich ausgestiegen.» Ohne allerdings seine Freiburger Wurzeln je zu kappen. Er machte sich auf die Suche nach einer anderen Welt, einem Reich ennet der Berge und Wälder. «Die eigentliche Heimat ist anderswo.» Jahre später scheint er seine Heimat gefunden zu haben. Nicht auf der Strasse und unter Brücken, nicht in Wohngemeinschaften und auch nicht im französischen Avignon, wo er eine Kommune gründen half. Mit Gelegenheitsarbeiten hat er sich über Wasser gehalten, in erster Linie ein Leben nach seinem Gusto geführt. Hunderte von Büchern gelesen, Freundschaften gepflegt, Mundartgedichte verfasst, meditiert und sich mit vielen Philosophen auseinander gesetzt. 

Den Menschen und sein Leben hat Aebischer stets in den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns gestellt. Eine Bereicherung, dass er in Freiburg mit seiner multikulturellen Universität Studenten aus aller Welt angetroffen hat. «Da entstanden spannende Kontakte zu Menschen, die in Bewegung, die noch nicht festgenagelt waren.» Die Narrenfreiheit in seiner Freiburger Welt, in einer von CVP und Katholizismus imprägnierten Gesellschaft, hat Aebischer genossen. Auch wenn es viel Nerven und Kraft gekostet hat. Mit den angeblich revolutionären 68ern hatte er nie etwas am Hut. «Wo sind die überhaupt geblieben, und welche Spuren haben sie hinterlassen?» Dogmatiker und Ideologen, egal ob von links oder rechts, «diese Schnurricheiben und Grossmäuler» sind ihm ein Gräuel.

 

 

  


 

 Über Franz Aebischer

•21.08.1941 - 11.02.2008
•21.06.2008 Beerdigungsfeier

Familie

Eltern

•Johann Aebischer "Sattler Housi"

•Luzia Aebischer-Zbinden

Geschwister
•Felix Aebischer †
•Gertrud Gehrig-Köstinger †
•Hans Aebischer
•Marie Jerjen-Aebischer

Onkel von
•Evelyne Gehrig
•Marianne Gehrig
•Patrick Jerjen
•Roman Jerjen
•Franziska Kummer (led. Aebischer)

 


 

 Medienberichte

  •  Radiobeitrag Synerzit vom 15.04.2014
  •  TV Beitrag